Arbeitsgemeinschaft Elternbeiräte an Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart

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Schulpolitische Grundsatzdiskussion ist überfällig

Kaum ein Elternteil hat keine Meinung dazu - und das ist möglicherweise auch der Grund, dass in die kontroverse Diskussion um das optimale Schulsystem für die Gymnasien in Baden-Württemberg kaum ein roter Faden zu finden ist. Ein acht- oder neunjähriges Gymnasium zur Regelschule zu machen wäre ja noch relativ einfach, reduzierte man diese Frage auf den rein zeitlichen Aspekt. Dem ist aber nicht so. Also zerreiben sich Parteien, Lehrerverbände, Kultuspolitiker - vor allem aber Eltern an der nicht unerheblichen Frage, welches Schulsystem die Kinder am besten auf ihren künftigen Beruf vorbereitet. Der Vorsitzende des Philologenverbandes, Ralf Scholl, versuchte bei der Mitgliederversammlung der ARGE Stuttgart ein wenig Ordnung in die bildungspolitische Diskussion zu bringen.

Auf kaum einem anderen Gebiet ist die Bundesrepublik noch so in "Ost" und "West" geteilt wie in der Frage des Schulsystems an Gymnasien: Alle neuen Bundesländer, dazu Hamburg, das Saarland und Bremen praktizieren ein reines "G8". Das heißt, das Abitur wird in acht Jahren am Gymnasium erreicht. Baden-Württemberg reiht sich in diese Phalanx ein, denn lediglich in 43 "Versuchsschulen" haben Eltern die Möglichkeit, den G9-Zug zu wählen. Diese Schulen allerdings sind heftig frequentiert. In Baden-Württemberg haben sich mehr als 36.000 Bürger in einer Online-Petition für das neunjährige Abitur als Regelsystem entschieden. Eine erstaunlich hohe Zahl, legt man die Logistik der Online-Petition zugrunde: Die zwei Initiatorinnen haben diese Zustimmung innerhalb kurzer Zeit mit wenig oder gar keiner Medienerfahrung oder -zugang geschafft. (Weitere Informationen zur Petition G9-jetzt-BW)

Ralf Scholl untermauerte das enorme Interesse der Elternschaft am neunjährigen Schulabschluss: In einer Studie lehnten 80 Prozent der befragten Eltern in den alten Bundesländern G8 als verbindliche Gymnasiums-Form ab. In allen Bundesländern außer Rheinland-Pfalz wurde G 8 zu Beginn des Jahrtausends eingeführt. Längst haben sich die Gründe dafür erledigt oder als falsch erwiesen.Damals hatten im europäischen Vergleich deutsche Abiturienten ein zu hohes Alter, G8 könne, so hieß es, durch Konzentration des Unterrichtsstoffs auf das Wesentliche und der notwendigen Entrümpelung des Lehrplans sehr viel besser auf Studium und Beruf vorbereiten. Als Ziel galt, den Studienbeginn mit 18 Jahren zu erreichen. Ohne große Erprobung oder wissentschaftlichen Begleituntersuchungen ging das "Experiment" G8 in Serie. Heute allerdings haben sich viele der damaligen Begündungen für G8 in Luft aufgelöst: Die Wehrpflicht wurde 2011 aufgehoben, die Kinder wurden immer früher eingeschult, was zur Folge hat, dass heute Abitur mit 17 Jahren die Regel geworden ist. Viel zu früh und dann auch noch mit Lernstoffen zum ungünstigen Entwicklungszeitpunkt der Schülerinnen und Schüler überfrachtet, kritisieren - unterstützt von den Kultus-Wissenschaftlern - die Eltern, die ihre Kinder gestresst, überfordert und dem "Turbo-Abitur" schutzlos ausgeliefert sehen. Zeit für Vertiefung, Besinnung oder gar für das Finden des späteren Berufsweges sei kaum noch da, viele Abiturienten bräuchten nach dem G8-Stress erst mal eine einjährige Auszeit, um ihren weiteren Weg zu überdenken.

Als Konsequenz der Unzufriedenheit der Eltern und der Erkenntnisse der Wissenschaft führten fast alle alten Bundesländer in den letzten Jahren wieder den neunjährigen Gang zum Abitur ein. Nur Baden-Württembergs Kultuspolitik schloss sich dieser Erkenntnis nicht an und beharrt weiterhin auf G8 als Regelschulform für Gymnasien. Dass dazu auch noch das Problem der Gemeinschaftsschulen mit gymnasialen Oberstufe kommt, macht die Diskussion um die künftige Schulform ideologisch-politisch nur noch komplizierter - mit wechselnden Fronten: Die Landes-CDU ging mit der Forderung nach G9 in den letzten Landtagswahlkampf, um sich dann im Koalitionsvertrag als vehementer Verfechter des G8 umzuorientieren. An mehr Schulen mit einem G9-Zug in Baden-Württemberg ist unter der aktuellen Kultusministerin nicht zu denken. Als geflügeltes Wort der Landespolitik gilt: Das G9-Gymnasium ist der natürliche Feind der Gemeinschaftsschulen - und damit vor allem des grünen Teils der Landesregierung. Das Optimimum  für Schülerinnen und Schüler zu finden, ist in der aufgeheizten politischen Diskussion kaum noch ein Argument. Stattdessen haben viele Eltern das Hin und Her der schulpolitischen Diskussion satt und wollen - ebenso wie viele Schulen - erst einmal G8 in aller Ruhe auf dem Prüfstand sehen. Wie die Bestandsaufnahme der Unterrichtssituation im Land zeigt, praktiziert Baden-Württemberg ja faktisch weder G8 noch G9, sondern aufgrund der Lehrerversorgung und dem damit verbundenen  Unterrichtsausfall G 7.

Ralf Scholl zählte in der ARGE-Mitgliederversammlung die wichtigsten Kritikpunkte gegen G8 auf: Ohne entsprechende Ressourcen wie Mensa oder Lehrerbetreuung für die zusätzlichen Stunden habe man eine Quasi-Ganztagsschule eingeführt. Durch den Nachmittagsunterricht gäbe es sehr viel weniger Zeit für Freizeit und Vereins-Aktivitäten, Sport und Musik. Das früher beliebte Auslandsjahr für Gymnasiasten lasse sich ohne eine Wiederholung der Klasse elf/J 1 nicht mehr im Zeitplan unterbringen Als entscheidendes Argument müsse man  darauf verweisen, dass G8 ohne Niveauverlust nur geeignet sei für Schüler mit schneller Auffassungsgabe und frei von Entwicklungsproblemen. Die am besten abgesicherte pädagogische Grunderkenntnis "Mehr Lernzeit=mehr Wissen" werde bei G8 mit Füßen getreten.

Einer der Gründe dafür, dass in Baden-Württemberg eine gemeinsame schulpolitische Diskussion nicht im erforderlichen Maße stattfinde, ist, dass es sehr unterschiedliche Erfahrungen und Vorstellungen über G9 gebe. Mit einfach nur einer Streckung des Lehrplans auf neun statt acht Jahre werde man kaum dem Problem gerecht werden können. Die aktuellen G9-"Modellschulen" in Baden-Württemberg arbeiteten entweder mit einer linearen Streckung und einem späteren Beginn der später beginnenden Fächer, einer Streckung der Unterstufe um ein Jahr oder einer Verlängerung der Mittelstufe um ein Jahr.

Für jedes praktizierte Modell gibt es Für und Wider. Bei den Pädagogen stieß vor allem die Streckung der Mittelstufe auf Gegenliebe, da der Stoff sehr viel besser an die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler angepaßt werden könne. Gemeinsam für alle praktizierten Modelle ist die daraus gewonnene Erkenntnis, dass ein G9-Gymnasium nur sinnvoll ist, wenn es mehr Stunden in den neun Jahren gibt und dadurch die Ein-Stunden-Fächer vermieden sowie die Hauptfächer gestärkt würden.

Im Anschluss an den Vortrag des Philologen-Verbandsvorsitzenden entwickelte sich eine rege Diskussion, die vor allem auch eines zeigte: Eine schulpolitische Diskussion über ein Schulmodell der Zukunft ist dringend erforderlich. Ein "Weiter-so!" ist keine Option, mit der Baden-Württemberg wieder den Anschluss an das Bildungsniveau früherer Zeiten erreichen kann.

(Protokoll zur ganzen Mitgliederversammlung am 23.März 2019)