Arbeitsgemeinschaft Elternbeiräte an Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart

AKTUELLES

Aktion LEUCHTPunkt fordert "Kitas und Schulen ganz öffnen!"

"Kinder haben Rechte - wir fordern einen regulären Präsenzunterricht und eine reguläre Betreuung für alle Kinder ab sofort
Sehr geehrte Frau Dr. Eisenmann,
das Land kehrt zum öffentlichen Leben zurück: Wir können im Biergarten sitzen, im Fitnesscenter schwitzen, die Bundesligaspiele im TV verfolgen, in großen und kleinen Geschäften shoppen und mit dem Auto übers Land fahren. Wir können Gottesdienste besuchen. Die Spielplätze sind geöffnet. Der Europapark öffnet am 29. Mai 2020 die Pforten und die Landesregierung plant, ab 1. Juni private Feiern und Veranstaltungen mit bis zu 99 Personen zuzulassen.  

Für unsere Kinder jedoch soll es keine baldige Rückkehr zur regulärem Präsenzunterricht und Betreuung geben. Zwar können sie wieder auf Spielplätzen mit anderen Kindern spielen – aber das gemeinsame Lernen und Spielen in Kita und Schule soll nicht möglich sein? Das ist nicht nachvollziehbar und ist auch den Kindern nicht vermittelbar. Es herrschen willkürliche Regelungen zu Lasten unserer Kinder. Bei 30 Stunden Präsenzunterricht bis zu den Sommerferien, d.h. zwei Stunden in der Woche, kann keine vernünftige Beschulung stattfinden. "Fernunterricht" ist kein praktikabler Dauerzustand.  

Wir fordern die sofortige Öffnung der Schulen und Kitas und eine tägliche  Beschulung und Betreuung - in allen Einrichtungen, für alle Kinder und alle Altersklassen!
- Wir stellen nicht die Pandemie in Frage.

- Wir stellen nicht den Lockdown in Frage.

- Wir stellen nicht die Hygiene- und Abstandsregeln in Frage.


Wir fordern einen sofortigen Strategiewechsel in der Bildungspolitik!
                                                                                                                     
Kinder haben verfassungsrechtlich geschützte Rechte, unter anderem das Recht auf Teilhabe und Bildung. Das Recht auf Bildung ist in Artikel 28 der UN-Kinderrechtskonvention verankert, die Deutschland ratifiziert hat. Kinder zwischen einem und drei Jahren haben einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Daraus ergeben sich Pflichten für den Staat.


Wir Eltern können nicht auf Dauer zu Hause – zusätzlich zu unseren beruflichen Aufgaben und häuslichen Pflichten – den staatlichen Bildungsauftrag der Schulen und Kitas erfüllen. Was hier im Lande seit Wochen passiert, verdient nicht annähernd das Wort "Beschulung". Die Heterogenität der Lehrerschaft ist enorm. Es gibt Lehrer, die sich beherzt und engagiert zeigen, die technische Möglichkeiten nutzen und die den Kontakt zu ihren Schülern suchen. Aber es gab und gibt auch Lehrer, die sich seit Schließung der Schulen sehr bedeckt halten, die – wenn überhaupt – Aufgabenblätter verschicken und zuweilen kein einziges Mal die individuellen Lernfortschritte erfragen.

 
Kinder, die in bildungsfernen Familien aufwachsen, sind in dieser Krise besonders betroffen. Die Pisa-Studien hatten in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, wie groß der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist. Die Krise drängt gerade diese Kinder weiter ins Abseits. Aber auch Kinder mit besonderem Förderbedarf und Handicaps, die normalerweise eine besondere individuelle Betreuung erhalten, sind jetzt außen vor und stellen ihre Eltern vor kaum lösbare Aufgaben, denn es gibt die nötigen Angebote nicht mehr. Dürfen wir sehenden Auges zulassen, dass so vielen Kindern, die unsere Zukunft sind, über so lange Zeit so viele Lerngelegenheiten genommen werden? Wir sagen: Nein!


Zu den weiteren Begleitschäden der momentanen Situation gehört auch der bedenkliche Anstieg häuslicher Gewalt. Kinder und Frauen sind derzeit einem viel höheren Gewaltrisiko ausgesetzt als in Normalzeiten. Darauf weisen Experten schon seit Wochen hin. Kann unsere Gesellschaft das einfach so hinnehmen? Wir sagen: Nein!


Die gegenwärtige Situation trifft auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Einige Arbeitgeber schränken das Home Office bereits wieder ein und verlangen mehr Präsenzzeiten der Mitarbeiter, in vielen Berufen ist Home Office per se gar nicht möglich. Und Gott sei Dank ist nicht das ganze Land in Kurzarbeit. Wie sollen wir mit durchschnittlich zwei Stunden Präsenzunterricht in der Woche Beruf und Familie unter einen Hut bringen? Da hilft keine Ausweitung der Lohnfortzahlung für Eltern, die wegen der fehlenden Kinderbetreuung nicht arbeiten können. In den wenigsten Jobs kann man sich einfach so für ein paar Monate davonmachen. Eltern, die selbständig sind, riskieren ihre berufliche Existenz. Auch die ausgeweitete Notbetreuung für Kinder, deren Eltern nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten und die am Arbeitsplatz unabkömmlich sind, ist keine Lösung. In der Notbetreuung findet meist kein Lernen statt. Die große, auch psychische Belastung für Eltern besteht fort. Wir Eltern sind weiterhin gefordert, den Spagat zwischen Beruf, Familie und Home Schooling hinzubekommen.


Das Bildungsministerium mag der Auffassung sein, Ende Juli sei "die Kuh erst einmal vom Eis“. Nein! Ende Juli beginnen 6 1/2 Wochen Sommerferien. Wir Eltern haben keine Schulferien, sofern wir nicht selbst Lehrer sind. Nur die wenigsten berufstätigen Mütter und Väter haben (noch) so viele Urlaubstage. Viele Eltern müssen arbeiten. Sportcamps, Zeltlager, Workshops etc. wurden zum Teil bereits abgesagt. Welche Angebote machen Sie den Kindern und uns Eltern für die Ferienbetreuung?  

Mitte September, zum Beginn des neuen Schuljahres, werden zig Tausende Kinder und Eltern in Baden-Württemberg sechs Monate ohne Regelschule und ohne Regelbetreuung erlebt haben. Welche wirklichen Perspektiven bieten Sie uns und unseren Kindern für Teilhabe, Bildung und Betreuung für das neue Schuljahr?
Wenn Milliarden Euro für die Rettung von Unternehmen und ganzer Branchen locker gemacht werden können, dann muss es in diesem Land der "Dichter und Denker" auch genug Geld für die Teilhabe, Bildung und Betreuung unserer Kinder geben. 300.000 Euro für Tablets für Schüler in Baden-Württemberg sind nicht die Lösung!

Unsere Kinder brauchen Lehrer und Erzieher!

Die Zeit drängt. Handeln Sie jetzt! Sie stehen in der Pflicht!

Wir fordern Sie auf, die Verantwortung für die Bildung zu übernehmen, anstatt sie auf die einzelnen Schulen, Lehrer und Eltern abzuwälzen.
-> Nehmen Sie alle Lehrer in die Pflicht. Wir verlangen Vorgaben für die Lehrerschaft. Wir lassen es nicht mehr zu, dass sich manche Lehrer bei vollem Gehalt einzig darum bemühen, die Krise auszusitzen und die Verantwortung auf die Eltern abzuwälzen.
-> Kippen Sie die Altersgrenze von 60 Jahren, ab derer Lehrer als Zugehörige zur sog. Risikogruppe nicht in den Schuldienst dürfen bzw. müssen. Oder: Sorgen Sie dafür, dass diese Lehrer andere Aufgaben im Schuldienst übernehmen, z.B. als OnlineNachhilfelehrer für schwache Schüler, beim Kopieren von Unterrichtsmaterial, Organisieren von Räumlichkeiten…
-> Rekrutieren Sie zusätzliches Lehrer- und Kitapersonal, z.B. pensionierte Lehrer und Erzieher, Vertretungslehrer, Lehramtsstudenten, freiberufliche Lehrer aus der Erwachsenenbildung...
-> Sorgen Sie dafür, dass Städte u. Landkreise zusätzliche Räumlichkeiten schaffen, z.B. durch Anmieten, Aufstellen von Containern, Umnutzung der Volkshochschulen,  Sporthallen, Veranstaltungsgebäude…

Kinder lernen in der Kita und in der Schule Sozialverhalten, Pausenregeln, Rechtschreib- und Rechenregeln. Sie werden auch Abstands- und Hygieneregeln lernen!
Schaffen Sie Lösungen! Machen Sie die Kitas und Schulen auf! Wo Fußgängerzonen voll sind, dürfen die Kitas und Schulen nicht leer bleiben!  
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Lydia Hilberer und Dr. Anja Titze,  Aktion LEUCHTPunkt"