Arbeitsgemeinschaft Elternbeiräte an Gymnasien im Regierungsbezirk Stuttgart

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Landes- ARGEn fordern im Kultusministerium schnelle Verbesserung der Unterrichtsversorgung

Das war es also, das erste gemeinsame Gespräch der Vertreterinnen und Vertreter aus den Vorständen der ARGEn Stuttgart, Tübingen, Freiburg und Karlsruhe mit der Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg zum Unterrichtsausfall. Dazu waren die ARGE-Vorstandsmitglieder zum Teil von weit her angereist: Aus Leutkirch, Freiburg, Sigmaringen, Heidelberg, Karlsruhe, Filderstadt und natürlich auch aus Stuttgart. 45 Minuten Zeit hatte die Ministerin für das Gespräch mit den acht ARGE-Vorständen angeboten, 36 Minuten wurden es dann schließlich, bevor eine überhaupt nicht  kompromissbereite Bildungsministerin mit dem Hinweis auf einen dringenden Termin im Finanzministerium den Raum genauso schnell wieder verließ, wie sie ihn betreten hatte.

Zwischen Auf- und Abtritt der Ministerin war immerhin Zeit für Stephan Ertle(ARGE Tübingen) die Ministerin darauf hinzuweisen, dass es an der Elternbasis brodle wie nie zuvor. Im Lernmittelbereich würden die Eltern seit Jahren abgezockt, anstatt die Landesverfassung und das Schulgesetz umzusetzen. In den letzten 20 Jahren hätte sich der Aufwand der Eltern für Nachhilfeunterricht verdreißigfacht, in allen Bildungsbereichen sei das Land auf die hintersten Plätze in der Bundesrepublik abgesackt. Eine der niedrigsten Pro-Kopf-Investitionen in den Bildungsetat von Baden-Württemberg und im Bildungsranking vom Spitzenplatz, den man  zusammen mit Bayern immer gehalten hat, abgestürzt auf die untersten Plätze im Bundesvergleich. Das sei die deprimierende Bestandsaufnahme für die Bildung im Land. Ertle wies auch auf die steigende Zahl von Kindern in Armut und stellte der Landesregierung ein denkbar schlechtes Zeugnis für Personalentwicklung aus, als er die Entlassung von angestellten Lehrkräften während der Sommerferien erwähnte. Ein privater Arbeitgeber würde damit in der freien Wirtschaft sofort als unseriös erkannt. Ein weiterer Mißstand sei die Verweigerung der Schülerbeförderung durch die öffentliche Hand, bei der auch viele Millionen seit Jahren den Eltern verweigert würden. Mit der Lehrerunterversorgung würde nun der Gipfel an Mißständen in der Bildungspolitik des Landes erreicht.

Der Vorsitzende der ARGE Stuttgart, Michael Mattig-Gerlach, griff diesen Faden von Ertle auf und erinnerte daran, dass ja nur durch die von der Stuttgarter ARGE initiierte und durchgeführte Erhebung zum Unterrichtsausfall erreicht wurde, dass endlilch das ganze Ausmaß der Misere nun unbestreitbar feststehe. Mit dem Hinweis auf "nicht belastbare Daten" könne sich nun niemand mehr - wie noch vor einem Jahr - aus der Verantwortung stehlen. Bedauernswert sei allerdings, dass dieser auch in der Erhebung des Kultusministeriums festgestellte Lehrermangel keineswegs zu einer raschen Veränderung der Situation an den Schulen des Landes geführt habe. Die öffentlich verkündeten Maßnahmen des Kultusministeriums zielten allesamt auf eine Verbesserung in frühestens fünf bis sieben Jahren ab. Änderungen der Studienstruktur, neue Studienfächer - NWT - , die Einführung neuer Unterichtsfächer am Gymnasieum - IMP -  oder Umschulungsmaßnahmen von Gymnasiallehrern zu Grundschullehrern führten sicher nicht zu einer schnellen Veränderung der Lehrerunterversorgung an den Gymnasien. Im Gegenteil: Durch die Einführung des Fachs IMP und die derzeit gar nicht vorhandene Quantität an Informatikern mit pädagogischem Studienabschluss programmiere man neue Ausfallzeiten, statt die alten Probleme anzugehen. Mattig-Gerlach forderte schnelle Maßnahmen vom Kultusministerium und von der gesamten Landesregierung, denn die Elternvertreter seien jetzt gewählt und seien für die Interessen der Kinder von heute zuständig und nicht für Verbesserungen einer Unterrichtssituation, von der frühestens die Kinder der eigenen Kinder profitieren könnten. Für alle ARGEn bot Mattig-Gerlach die Bereitschaft zum Gespräch über Sofort-Maßnahmen an, um möglichst schnell ein Ende der Bildungsmisere zu erreichen.

Daran allerdings zeigte die Kultusministerin nicht das geringste Interesse.Sie sei sehr gut vernetzt mit den Eltern über den Landeselternbeirat und verschiedene Elterninitiativen sowie durch die regelmäßig durchgeführten "Klassentreffen", in denen sie sich mit Schulleitern, Schülern und Eltern gleichermaßen austausche. Eisenmann kündigte Schwerpunktveranstaltungen für das nächste Jahr an, auf denen man den Umgang mit den Eltern zum Thema machen wolle. Es gäbe sehr engagierte Eltern und andere, die sich aus der Erziehung verabschiedet hätten. Die Verrohung im Umgang miteinander müsse man ebenfalls thematisieren.

Nach dieser Einleitung behauptete die Ministerin, man habe keine Resourcenproblem, sondern zu wenige Lehrerinnen und Lehrer für geeignete Stellen. In ganz Deutschland gäbe es genau einen Bereich, in dem es ein Überangebot an Lehramtskandidaten gäbe: Deutsch, kombiniert mit Geschichte oder Erdkunde. Man brauche eben im Schulsystem nicht nur Deutsch und Geschichte oder Erdkunde, sondern auch Mathematik, Physik, Chemie und Sport. Das Kultusministerium habe viele Maßnahmepakete eingeleitet, die aber alle bedeuteten:  "Wenn ich gut ausgebildete Lehrer haben möchte, dann dauert das seine Zeit." Den Vorschlag, Studenten einzusetzen, lehne sie ab, weil sich dann die Qualitätsfrage stelle und auch die Rückmeldung von Eltern vorliege, die ihre Kinder nicht in Klasse fünf und sechs von Studenten unterrichten lassen wollten, um dann erst in höheren Klassen den Fachlehrer eingesetzt zu bekommen. Eine rasche Lösung der Versorgungsprobleme gäbe es nur durch die Deputatserhöhung für Lehrer oder die Anhebung des Klassenteilers. Beide Maßnahmen kämen für sie nicht infrage.

Den Grund für den Mißstand sah Eisenmann im Nicht-Beachten der schon damals bekannten Pensionierungswelle durch die Personalplanung im Jahre 2012. Und durch diese Fehlplanung könne frühestens 2020 ein Abbau des Unterrichtsausfalls erwartet werden. Die Unzufriedenheit der Eltern sei durchaus verständlich, aber: "schnell geht gar nichts". Der Fachkräftemangel könne im Bildungsbereich erst dann behoben werden, wenn die Auszubildenden auf dem Markt seien. 

Als weitere Gründe für die Bildungsmisere an den Gymnasien führte die Ministerin an, dass es im Land zu viele Gymnasiasten gebe, nachdem in Baden-Württemberg die Schullaufbahn Grundschule-Gymnasium-Abitur als "einziger Weg zur Glücksseligkeit" erachtet werde. Es gäbe eben auch Kinder auf den Gymnasien, die da nicht hingehörten und denen man mit dieser Schullaufbahn keinen Gefallen tue.

Nach einem mehrminütigem Disput über die Frage, ob der offene Brief der ARGEn vom 17.Juli 2018 im Kultusministerium abgegeben worden sei oder nicht, und  der ebensowenig zu widerlegenden Information an die Ministerin,  die ARGE Stuttgart habe zu den Mitgliederversammlungen mehrere Male vergeblich eingeladen, sowie dem Hinweis, dass es in den Gymnasien keineswegs nur in den "Mangelfächern" zu Unterrichtsausfall komme und warum man die Lehrerversorgung nicht auf 110 Prozent anheben könne, damit zumindest in den anderen als den Mangelfächern der Unterricht komplett stattfinde, brachte Dr.Susanne Eisenmann kurz vor Verlassen der Gesprächsrunde ihre Politik auf den Nenner: "Es gibt keine kurzfristigen Maßnahmen. Es ist ein Mangel, der uns bis 2020 begleiten wird."

Die Forderungen für kurzfristige Änderungen der Situation, wie sie von den Arbeitsgemeinschaften der Elternvertreter von über 400 Gymnasien im Land gemeinsam auf einer Klausurtagung formuliert worden waren, konnten die acht Vorstände nur noch gegenüber dem Referatsleiter für Lehrerbeschaffung Philipp vorbringen. Der hatte die Aufgabe, die über den Gesprächsverlauf wenig erfreuten Elternvertreter anzuhören. Ihm konnten denn dann auch die Forderungen

- nach 110-prozentiger Unterrichtsversorgung,

- der Nicht-Entlassung von ausgebildeten Lehrern über die Ferienmonate hinweg,

- das Einrichten von regionalen Krankheitsvertretern zum schnellen Springer-Einsatz bei Bedarf und

- die Erweiterung des Angebotes für Quereinsteiger aus bildungsrelevanten Berufsgruppen

überreicht und erklärt werden.Die Ministerin war davor auf keine der ARGE-Forderungen zu sprechen gekommen. Es gibt ihrer Ansicht nach eben keine kurzfristigen Maßnahmen. Dies würde bedeuten, dass die Eltern der aktuellen Schülerinnen und Schüler sich  mit der aktuellen Bildungskatastrophe abfinden müssen. Eine Besserung ist frühestens "ab 2020" erkennbar. .